So geht es mit „Sing & Pray“ und der Seelsorge in der Großpfarrei St. Willigis Nahe-Glan-Soon weiter
BAD SOBERNHEIM. Mit Joachim Höhn geht am 31. August der einzige hauptamtliche Diakon im pastoralen Raum Bad Kreuznach nach 25 Dienstjahren in den Ruhestand. Mit nahe-dran.de hat er darüber gesprochen, wie es mit den etwas anderen Gottesdiensten „Sing & Pray“ in Merxheim und den Taizé-Andachten weitergeht und wie sich die Seelsorge in einer immer weniger durch den christlichen Glauben geprägten Welt verändert hat.
Herr Höhn, können Sie die Beerdigungen, Taufen und Hochzeiten noch zählen, die Sie in Ihrer Dienstzeit als Diakon gestaltet haben?
Nein, die kann ich nicht zählen. Am häufigsten waren es wohl Beerdigungen, dann Taufen und Hochzeiten. Mittlerweile verheirate ich Menschen, die ich schon als Baby getauft habe. Diese Kasualien – wie vor Kurzem zum Beispiel eine Taufe in der Willigis-Kapelle in Auen – machten ja auch nur einen Teil meiner Arbeit aus. Immer ansprechbar sein für die Menschen gehörte dazu. Ich scherze immer: Meine Kommunikationszentrale ist unter anderem der Bäcker oder die Fleischtheke beim Rewe. Dort komme ich in Kontakt und mache dann auch mit den Menschen Termine für Seelsorge-Gespräche aus.
So ganz aufhören … ist das wirklich Ihr Ding?
Der liebe Gott war gnädig mit mir. Ich bin mental noch nicht so weit, dass ich mich in den Garten setzen und Blumen anschauen kann. Im Abschiedsgottesdienst am 30. August in St. Mätthäus werde ich von Bischof Stephan Ackerman offiziell aus dem hauptberuflichen Dienst als Diakon verabschiedet und gleichzeitig zum Diakon mit Zivilberuf ernannt. In dieser Rolle werde ich zwischen Waldböckelheim und Bad Kreuznach als Seelsorger einspringen, wenn es personell eng wird.
Wenn Sie auf Ihre Amtszeit zurückschauen, was ist für Sie die prägendste Veränderung in der Kirche an der Nahe?
Als ich 2003 an die Nahe kam, waren wir zeitweise sieben Hauptamtliche im Seelsorgebezirk Bad Sobernheim. Die Menschen waren seelsorgerisch viel besser versorgt als heute mit nur drei Hauptamtlichen. Die Pfarrei St. Willigis – Nahe-Glan-Soon ist fast so groß wie die Hälfte des Landkreises Bad Kreuznach. In jedem Ort wird gestorben, geboren und gelitten. So kann man sich vorstellen, wie sich die Arbeit als Geistlicher verdichtet hat.
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Was bedeutet das für die seelsorgerische Versorgung dieser Region?
Was die Personalsituation angeht, ist es zwei Minuten vor zwölf. Im Pastoralen Raum gehen vier Hauptamtlichen in absehbarer Zeit in Ruhestand oder verändern sich beruflich. Wir haben deutlich mehr Arbeit. Ich nenne das manchmal Durchlauferhitzer-Seelsorge. Ganz konkret bedeutet das: Die Trauerkreise, die ich zusammen mit Carmen Schäfer geleitet habe, wird es zwischen Idar-Oberstein und Mainz nicht mehr geben. Trauernde werden weitere Wege auf sich nehmen müssen. Doch ich bin überzeugt: Der Heilige Geist wird wirken und es wird sich auch dafür eine Lösung finden, vielleicht über Online-Angebote.
Welche Begegnungen sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Jede Taufe ist eine Freude, jede Hochzeit etwas Besonderes, jede Firmvorbereitung individuell. Mir war es wichtig, den Menschen bei Beerdigungen Trost zu spenden und das aufzuschreiben, was die Person ausgemacht hat. Zu den tiefgreifendsten Ereignissen meines Berufslebens gehört jedoch der 12. September 2015, als bei einem Unfall an der Bahnschranke in Monzingen fünf junge Männer ihr Leben verloren haben. Die Notfallseelsorge damals hat wirklich Kraft gekostet. Die vielen trauernden jungen Menschen, die ich gemeinsam mit meinem evangelischen Kollegen Jörg Ruttloff in der Kirche in Merxheim mit all den vielen Tränen, Fragen und Erklärungsversuchen betreut habe – das war so prägend und so schlimm. Bis heute pflege ich nach Einsätzen in der Notfall-Seelsorge ein Ritual, das mich davor schützt, zu viel mit nach Hause zu nehmen und das mir mental Abstand gibt: Auf der Rückfahrt im Auto bete ich, „Ich habe getan, was ich konnte. Jetzt bis Du dran, lieber Gott.“ Das hat mir geholfen.
Zugleich freue ich mich über die vielen positiven Rückmeldungen, die ich zu meiner Arbeit erhalte. Unterm Strich war es mir eine große Freude.
Wie geht es mit Sing & Pray, dem etwas anderen Gottesdienst weiter?
Gemeinsam mit Ramona Wöllstein werde ich die Gottesdienste in der Kirche in Merxheim ehrenamtlich weiter begleiten. Der nächste Termin im November steht schon. Dazu haben Ramona und ich Lust und Ideen haben wir auch. Auch mit den Taizé-Andachten wird es ab Oktober einmal im Monat weitergehen, geleitet von Ehrenamtlichen, die sich dankenswerterweise einbringen werden.
Wie lautet Ihr Rezept gegen den Rückgang der Gläubigen in den christlichen Kirchen?
Mehr Ehrenamtliche. Wir sollten Menschen, die Charisma haben, mehr zutrauen. Eine Beerdigung zum Beispiel ist kein Sakrament. Wer sich berufen fühlt, kann vom Bischof, nach einer kurzen Ausbildung über die Diözese Trier, dazu beauftragt werden. Außerdem möchte ich eine Lanze brechen für meinen Beruf als Diakon: Wer Menschen mag, einen unerschütterlichen Glauben hat, Gestaltungsfreiheit und einen sicheren Arbeitsplatz schätzt, ist in diesem Amt genau richtig. Diakon zu sein – sei es im Hauptberuf wie bei mir oder als Diakon mit Zivilberuf – ist so abwechslungsreich. Ich könnte mir keinen schöneren Beruf vorstellen.
Die Fragen stellte Simone Mager.
Wer ist Diakon Joachim Höhn
Joachim Höhn wurde 1960 in einem Vorort von Koblenz geboren. Nach seiner Zeit als Zeitsoldat studierte er Theologie und absolvierte verschiedene pastorale Praktika. Seit 1982 ist er verheiratet. Gemeinsam mit seiner Frau hat er zwei Töchter sowie zwei Enkelkinder.
Eine prägende Lebensstation war ein sechsjähriger Aufenthalt in El Paso (Texas, USA), wo Höhn in der katholischen Militärseelsorge tätig war. Seit 2001 wirkt er an Nahe und Glan – zunächst in der pastoralen Ausbildung in der Pfarrei Meisenheim. 2004 wurde er im Trierer Dom zum Diakon geweiht. Seitdem ist er in der Pfarrei St. Willigis Nahe-Glan-Soon im Dienst. Sein Motto, angelehnt an Papst Johannes XXIII, lautet: „Nimm dich selbst nicht so wichtig!“
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